Albanien: Vom Waisenhaus in die Obdachlosigkeit

AI Index: EUR 11/005/2007, EUR 11/007/2007, EUR 11/008/2007, New Service 18 Feb. 2008
November 2007, Update: Februar 2008


Tod eines Waisen

Am 18. Februar 2008 starb der 35-jährige Renato Kaleshi an einer Lungenentzündung. Der Waise, der seit einem Sturz im staatlichen Waisenhaus von seiner Kindheit an gelähmt war, hauste in den letzten elf Jahren seines Lebens in den heruntergekommenen Räumlichkeiten einer einstigen Handelsschule. Sein Tod ist eine Folge seiner entsetzlichen Wohn- und Lebensbedingungen.

Leben von Waisen in Albanien - Zusammenfassung

Albaner und Albanerinnen, die in staatlichen Waisenhäusern aufgewachsen sind, haben kaum eine Chance, sich ein eigenes Leben aufzubauen, geschweige denn eine adäquate Unterkunft zu finden. Sie wohnen illegal in verfallenen Häusern - stets unter dem Damoklesschwert, selbst daraus vertrieben zu werden, und leben von Gelegenheitsjobs. Mädchen und Frauen sind leichte Opfer für Prostitution und Frauenhandel.

Obwohl der Staat grundsätzlich besonderen Schutz und Rechte für Waisen festgeschrieben hat, leben in der Realität Waisen stigmatisiert und am Rande der Gesellschaft.

Definition und Ausmaß

In der albanischen Sprache und Gesetzgebung werden unter Waisen ("jetim") nicht nur Kinder unter 18 Jahren verstanden, sondern alle Menschen, die ohne Eltern bzw. Verwandte in staatlichen oder privaten Einrichtungen aufgewachsen sind. Neben "echten" Waisen gibt es vermehrt "soziale Waise", deren Eltern (bzw. alleinerziehende Mütter) aus finanziellen oder sonstigen Gründen nicht in der Lage sind, die Kinder aufzuziehen.

Rund 600 Kinder sind derzeit ohne familiäre Unterstützung und befinden sich daher in Waisenhäusern (etwa 400 in staatlichen Einrichtungen, rund 200 in privaten, von NGOs geführten Institutionen).

Rund 340 Erwachsene, die in Waisenhäusern aufgewachsen sind, haben keine adäquate Unterkunft und hausen auf der Straße bzw. in leer stehenden Gebäuden.

Kindheit und Jugend

Waisen bis zum Alter von 14 Jahren erhalten in staatlichen Waisenhäusern Unterkunft, Essen und Zugang zu Bildung.

Mit Ende der Schulpflicht mit 14 bzw. 15 Jahren werden die meisten Waisen in eine weiterbildende Schule geschickt. Sie verlassen die gewohnte Umgebung und leben im Internat ("konvikt") der Schule. Das Bildungsministerium, in deren Kompetenz sie nun fallen, stellt ihnen die Versorgung (Essen, Unterkunft) in der Schule sowie ein Taschengeld (für Kleidung etc.) zur Verfügung. Allerdings werden die Jugendlichen nicht mehr wie im Heim betreut, und für viele Waisen kommt der Wechsel, auf den sie nicht vorbereitet wurden, zu abrupt. Herausgerissen aus ihrer sozialen Umgebung und von ihren neuen Klassenkameraden diskriminiert, beginnt hier oft die Karriere des Scheiterns. Zahlreiche Waisen brechen die Schule ab; Probleme wie Drogensucht, Kleinkriminalität und Prostitution beginnen in diesen Jahren.

Erwachsene Waisen

Die Lage spitzt sich im Alter von 18 Jahren zu, wenn die Waisen von der Schule abgehen. Selbst die Jugendlichen, welche die Schule erfolgreich abgeschlossen haben, stehen von einem Tag auf den anderen völlig allein gelassen auf der Straße. Von der geringfügigen finanziellen Unterstützung, die sie vom Staat erhalten, können sie in einem Land, wo in den letzten 20 Jahren in Folge von Landflucht die Preise für Wohnungen in den Städten in die Höhe geschossen sind, keine Unterkunft mieten.

Zahlreiche Waisen - egal, mit abgeschlossener Schulbildung oder nicht - bleiben in der Räumlichkeiten der Schulen, die teilweise wegen der schlechten baulichen Bedingungen geschlossen wurden. Einige hausen nun seit über zehn Jahren in diesen verlassenen Gebäuden mit Substandard-Bedingungen: katastrophale hygienische Situation, über ein Dutzend Menschen (inkl. Kleinkinder) in einem Raum, keine Heizung, keine Beleuchtung, keine Betten oder Matratzen. Der Gesundheitszustand dieser jungen Menschen (meist zwischen 20 und 30 Jahre alt) ist miserabel.

Keine Sicherheit, keine Perspektive

Albanien ist eines der ärmsten Länder Europas, von hoher Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. Waisen, insbesondere SchulabbrecherInnen, die unter diesen Bedingungen leben müssen, finden kaum eine angemessene Arbeit, welche ihnen ermöglichen würde, dem Teufelskreis zu entkommen.

Sie müssen fürchten, von illegal besetzten Häusern vertrieben zu werden. Waisen, die in einstigen Schulgebäuden untergekommen sind, wurden bereits mehrmals von den Behörden verwarnt, die Stätten zu verlassen, da die Gebäude abgerissen bzw. generalsaniert werden sollen. Weg in die Prostitution

Mädchen und Frauen, die in staatlichen Waisenhäusern aufgewachsen sind und plötzlich sich selbst überlassen werden, sind besonders gefährdet, Opfer von Prostitution und Frauenhandel zu werden. In den vergangenen sieben Jahren sind mindestens 15 weibliche Waisen verschwunden; es steht zu befürchten, dass sie verschleppt wurden.

Rechte nur auf dem Papier

Das Recht auf eine adäquate Unterkunft, die ein Leben in Sicherheit, Frieden und Würde ermöglicht, ist im internationalen Recht verankert.

Wirtschaftliche und soziale Rechte können nicht unverzüglich, sondern nur schrittweise umgesetzt werden. Nichtsdestotrotz haben die Staaten die Verpflichtung, entsprechende Maßnahmen zu setzen.

Die albanische Verfassung definiert Waisen (auch erwachsene Waisen) als schutzbedürftige Menschen, denen besondere Rechte zukommen. In der Praxis wird den Waisen aber keine Bedeutung zugemessen - vielleicht weil sie nur eine kleine Gruppe darstellen und somit über kein politisches Gewicht verfügen.

Helfen Sie mit.

Die albanische Regierung plant ein soziales Wohnbauprogramm, im Rahmen dessen bis zum Jahr 2010 1.100 neue Wohnungen von den Gemeinden geschaffen werden sollen. In diesem Prozess sollten auch die Bedürfnisse der erwachsenen Waisen berücksichtigt werden. Die Vergabe der Sozialwohnungen wird von Wohnbeiräten auf Gemeindeebene entschieden, in denen laut Gesetz relevante Interessensgruppen vertreten sein sollten. Die Waisen haben aber derzeit keine Stimme dort.

Angesichts der akuten Situation für Waisen, die zu weiteren Todesfällen führen kann, und der Chance angesichts der Programme des sozialen Wohnbaus ist es wichtig, die Situation für die Waisen jetzt bei den zuständigen Behörden zu thematisieren und für eine Veränderung zu intervenieren.

Adressaten sind sowohl Ministerien auf zentralstaatlicher Ebene als auch Gemeinden, die für die Umsetzung des sozialen Wohnbaus zuständig sind.

Sie können hier die Musterbriefe herunterladen.

Adressen (Zentralstaat):
Minister of Public Works, Transport and Telecommunications

Mr Sokol Olldashi
Z. Ministër i Punëve Publike, Transportit dhe Telekomunikacionit
Ministria e Punëve Publike, Transportit dhe Telekomunikacionit
Sheshi Skënderbej, Nr 5
Tirana
Albania

Postkarte zum Ausdrucken (doppelseitig)

 

Minister of Labour, Social Affairs and Equal Opportunities

Mr Koço Barka
Z. Ministër i Punës, Çështjeve Sociale dhe Shanseve të Barabarta
Ministria e Punës, Çështjeve Sociale dhe Shanseve të Barabarta
Rruga e Kavajës
Tirana
Albania

Postkarte zum Ausdrucken (doppelseitig)

 

Minister of the Interior

Mr Bujar Nishani
Ministri i Brendshëm
Ministria e Brendshme
Sheshi Skenderbej Nr.3
Tirana
Albania

Musterbrief (Zentralstaat)

Adressen (Gemeinden):
The Mayor of Tirana
Z. Edi Rama, Kryetari i Bashkisë së Tiranës
Bashkia e Tiranës
Tirana
Albania

Postkarte zum Ausdrucken (doppelseitig)

 

The Mayor of Durrës
Z. Vangjush Dako, Kryetari i Bashkisë së Durrësit
Bashkia e Durrësit
Durrës
Albania

Postkarte zum Ausdrucken (doppelseitig) <

 

Musterbrief (Gemeinden)

Zusammenfassung des albanischen Briefes:

Die Gemeinden werden aufgefordert:

Hintergrundinformationen

Nähere Informationen (inkl. persönlicher Schicksale) im AI-Report "Albania: "No place to call home" - adult orphans and the right to housing", AI Index: EUR 11/005/2007 (nur in englischer Sprache verfügbar).


zurück