Äthiopischer Lehrergewerkschafter, Dr. Taye Wolde-Semayat, zu Besuch in Österreich



Veranstaltung in der GPA

Am 6. November 2002 kam der äthiopische Lehrergewerkschafter Dr. Taye Wolde-Semayat im Rahmen einer wochenlangen Reise durch Europa und die USA auch nach Österreich. Bei einer von der Äthiopischen Gemeinschaft organisierten Veranstaltung in der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA) in Wien berichtete der mutige Lehrergewerkschafter von den Haftbedingungen und von der schwierigen Situation in seinem Land.

Kritiker der Regierung und ihrer Bildungspolitik

Dr. Taye Wolde-Semayat, Präsident der unabhängigen Lehrergewerkschaft ETA, wurde 1996 bei seiner Rückkehr von der ILO-Konferenz am Flughafen von Addis Abeba verhaftet. Erst drei Jahre später (1999) wurde er in einem unfairen Gerichtsverfahren zu 15 Jahren Haft verurteilt. Dank der internationalen Solidarität wurde er im Mai 2002 vorzeitig aus dem Gefängnis freigelassen.

Der Grund für seine Verhaftung war sein Engagement als Gewerkschafter und seine offene Kritik an der Bildungspolitik der Regierung unter Meles Zenawi. In Äthiopien wird der Bevölkerung das fundamentale Menschenrecht auf Bildung verwehrt, selbst die Grundschulbildung ist kostenpflichtig. Die Kinder werden somit nicht mehr in die Schule geschickt, sondern stattdessen zum Arbeiten oder als Kindersoldaten in den Krieg. Die Analphabetenrate in Äthiopien ist mittlerweile laut Dr. Wolde-Semayat auf zirka 80 Prozent angestiegen.

Mittelalterliche Haftbedingungen

Taye Wolde-Semayat war zunächst in einer großen Gemeinschaftszelle, dann in Dunkelhaft und schließlich die letzten Jahre in Einzelhaft, wo er nur zwei Mal pro Woche für zwanzig Minuten die Zelle verlassen durfte. Er war 24 Stunden am Tag angekettet. Am Nationalfeiertag, dem üblichen Besuchstag, wurde ihm fünf Mal in den insgesamt sechs Jahren Haft der Besuch seiner Angehörigen verwehrt.

Zehntausend Briefe gaben Hoffnung

Hoffnung schöpfte Taye Wolde-Semayat, als ihn eine EU-Parlamentarierin besuchte. Die Welt hatte nicht auf ihn vergessen!

Es folgten Briefe "von draußen", von Menschen, die an ihn dachten, von AI-AktivistInnen. "In Summe erhielt ich zehntausend Briefe", berichtete Taye Wolde-Semayat bei seinem Besuch in Wien und fügte mit trockenem Humor hinzu: "Das Gefängnis ist alles andere als ein guter Platz zum Leben, aber man wird an keinem anderen Ort der Welt so viel Post wie im Gefängnis erhalten."


Mitglieder der AI-Arbeitsgruppe für verfolgte GewerkschafterInnen mit Dr. Taye Wolde-Semayat (links) und mit Esayas Berhanu (Äthiopische Gemeinschaft, rechts) in der GPA, 6. November 2002

Dank an Amnesty International

Taye Wolde-Semayat war es ein Anliegen, auch in Österreich Mitglieder von Amnesty International kennenzulernen und ihnen persönlich zu danken. Er ist überzeugt, dass er nur dank des Drucks aus dem Ausland frei kam. Und das Wissen um die internationale Solidarität half ihm, das Gefängnis zu überstehen.

Taye kämpft weiter!

Keine/r weiß, wie es weitergeht, wenn Taye Wolde-Semayat nun nach Äthiopien zurückkehrt. Er ist weiterhin in Gefahr, doch er ist fest entschlossen weiterzumachen: "Ich kämpfe weiter, bis die Kinder und Jugendlichen endlich wieder in den Klassenzimmern sind."

Die Arbeitsgruppe für verfolgte GewerkschafterInnen (AVG) von Amnesty International freut sich, Tayes Dank an alle, die sich für seine Freilassung eingesetzt haben, auszurichten. Und wir wollen auch seine Worte wiedergeben, mit denen er seinem Dank Ausdruck verlieh: "Die internationale Solidarität hat letztlich gesiegt."

Danke an Euch alle, die Ihr das Konzept der internationalen Solidarität mit Leben erfüllt!