Haiti: Hunderte Familien nach Zwangsräumung obdachlos

UA: 217/11
Index: AMR 36/010/2011
26. Juli 2011

Gültigkeit: Sie können an dieser Aktion bis 6. September 2011 teilnehmen.


In der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince wurde ein provisorisches Lager rund um das Stadium rechtswidrig zwangsgeräumt. Einige Familien wurden auf ein Grundstück umgesiedelt, auf dem grundlegende Hygiene- und Sicherheitsbedingungen nicht erfüllt sind. Von mehr als 400 Familien fehlt jede Information über ihren Verbleib.

Inadäquate Unterkunft nach Zwangsräumung

Am 14. Juli 2011 wurden mehr als 500 Familien aus einem provisorischen Lager rund um das Sylvio Cator-Stadion im Zentrum der Hauptstadt Port-au-Prince vertrieben.

103 Familien wurden auf eine kleine Fläche Sumpfland in der Region Bicentenaire umgesiedelt. Das Gelände verfügt weder über Strom noch Fließwasser noch ausreichende Toiletten.

Die Unterkünfte mussten zudem erst errichtet werden. Dafür konnten die Familien zum Teil ihr vorhandenes Material verwenden, zum Teil mussten aber auch neues kaufen. Wenngleich jeder Familie eine Entschädigung von 10.000 haitianischen Gourden (250 US$) zugesprochen wurde, ging dann der Großteil des Geldes für den Transport der Habseligkeiten der Familie und die Errichtung einer neuen Hütte auf, da dies ohne Unterstützung der Behörden erfolgen musste. Einige Familien haben die zugesagte Summe bislang noch nicht erhalten.

Gefährlicher Weg zur Toilette

Am 22. Juli 2011 wurde ungefähr ein Dutzend Mobiltoiletten vor dem Lager aufgestellt. Allerdings müssen die Menschen eine stark befahrene Straße überqueren, um diese zu erreichen. Das ist nicht nur für kleine Kinder gefährlich, sondern setzt auch Frauen und Mädchen der Gefahr sexueller Übergriffe aus, insbesondere weil die Toiletten nachts nicht beleuchtet sind. Amnesty International ist sehr um die Sicherheit der Menschen besorgt, weil das Gebiet nicht umzäunt ist und nachts nicht beleuchtet wird. Berichte über sexuelle Gewalt und Raubüberfälle in den Lagern von Port-au-Prince sind zahlreich.

Wo sind die übrigen Vertriebenen?

Der Aufenthaltsort der anderen 400 Familien ist unbekannt. Sie gehören zu Hunderttausenden, die in Folge des Erdbebens obdachlos wurden und denen nichts anderes übrig blieb, als ihre eigenen Hütten aufzubauen, wo immer sie Platz dafür fanden.

Vorgeschichte: Von einer Zwangsräumung zur nächsten

Die Familien gehörten zu 7.000 Menschen, die in der direkten Folge des Erdbebens in dem Stadion Schutz suchten und Notunterkünfte auf dem Fußballfeld errichteten. Im April 2010 wurden sie rechtswidrig aus dem Stadion vertrieben, auch damals ohne dass ihnen alternative Unterkunft geboten wurden. Weil sie nicht wussten, wohin sie gehen können, baute die Hälfte der Vertriebenen ihre Notlager in der direkten Umgebung des Stadions auf. Die aktuelle Vertreibung war die zweite rechtswidrige Zwangsräumung und die dritte Obdachlosigkeit innerhalb von 18 Monaten.

Massenphänomen Obdachlosigkeit

In Haiti leben 680.000 Menschen in über 1.000 Lagern. 70 Prozent sind von Zwangsräumungen bedroht.

Über sexuelle Gewalt in den Lagern

Im März 2011 besuchte die dominikanische Frauenrechtsaktivistin Sonia Pierre Österreich (siehe Berichte über die Veranstaltungen Überleben und feiern: Gesprächsrunde mit Sonia Pierre und Internationale Frauenrechte: ¿Cómo, cuándo y dónde?). Sonia Pierre setzt sich nicht nur für Menschen der haitianischen Minderheit in der dominikanischen Republik ein, sondern leistet auch Hilfe im vom Erdbeben verwüstenen Haiti. Sie berichtete von massiver sexueller Gewalt in den Flüchtlingslagern. Eine Nachlese unter: http://frauenrechte.amnesty.at/allgemein/sonia-pierre-haiti-kann-ohne-die-frauen-nicht-aufgebaut-werden/.

Helfen Sie mit.

Appellieren Sie an die haitianischen Behörden und fordern Sie ein Ende der Zwangsräumungen von Lagern mit Binnenvertriebenen sowie die Unterbringung aller rechtswidrig Vertriebenen an Orten, welche die grundlegenden Anforderungen an Hygiene- und Sicherheitsvoraussetzungen erfüllen.

Musterbriefe zum Runterladen (inkl. E-Mail Adresse)


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