Katar: „Behandelt uns als Menschen!“ – Moderne Sklaverei für ausländische Arbeitskräfte

AI-Index: MDE 22/011/2013,
MDE 22/015/2013,
MDE 22/010/2013,

Gültigkeit: Sie können an der Aktion bis 1. Mai 2014 teilnehmen.



In dem reichen Emirat am Persischen Golf werden ausländische Arbeitskräfte wie Leibeigene ausgebeutet und gedemütigt. Lange Arbeitszeiten, kaum oder keine freien Tage, kein Urlaub und monatelang ausständiger Lohn sind auf der Tagesordnung. Arbeitnehmer_innen müssen hungern, weil sie keinen Lohn erhalten. Viele Migrant_innen wollen angesichts der Ausbeutung und Demütigung nur mehr nach Hause zurückkehren – auch ohne Lohn. Doch angesichts des herrschenden „Sponsorship“-Systems, das ihren Arbeitsplatzwechsel und Ausreise an die Genehmigung des Arbeitgebers bindet, sind die Migrant_innen in dem Wüstenstaat gefangen.

Helfen Sie mit.

Fordern Sie ein Ende dieses „Sponsorship“-Systems, das Migrant_innen daran hindert, Katar zu verlassen, und verlangen arbeitsrechtliche Schutzbestimmungen für ausländische Arbeitskräfte.

Schicken Sie einen Appellbrief an die Behörden in Katar. Sie können auch Unterschriften auf einer Petition sammeln und uns zurückschicken.

Musterbriefe zum Runterladen: englisch, deutsch

Sie können auch gerne die Online-Petition unterschreiben:
amnesty.org/en/appeals-for-action/qatar

Zur Situation der Migrant_innen in Katar


Elf Männer aus Indien und Sri Lanka warten im Justizministerium von Katar darauf, Papiere zu unterzeichnen, in dem sie fälschlicherweise bestätigen, korrekt bezahlt worden zu sein. Diese Papiere sind Voraussetzung, damit sie ausreisen dürfen. Die Männer wurden acht Monate lang nicht bezahlt. Zum Zeitpunkt des Fotos hatten sie zwei Tage nichts gegessen und lebten in einer Unterkunft ohne Elektrizität und sauberes Wasser. Die Männer wollten nur mehr das Land verlassen.




Wohnstätte für Migrant_innen. Der Arbeitgeber lagert illegal alte Farben und Baumaterialien vor der Küche und den Schlafsälen.







Reichtum und Wachstum

Katar ist zur Zeit das reichste Land der Welt. Enorme Mittel, die vor allem aus den Einnahmen mit Erdöl, Erdgas, Düngemittel und der Bereitstellung von Truppenlagerplätzen an die US-Armee stammen, werden in ein gewaltiges Infrastrukturentwicklungsprogramm investiert, das sich im Laufe des kommenden Jahrzehntes auf mehr als 220 Milliarden USD belaufen wird: Ein neuer Flughafen wird gebaut, eine U-Bahn und der Anschluss an das internationale Eisenbahnnetz sind in Planung, und ein neuer Hafen wird eröffnet. Im Mittelpunkt des Baubooms stehen die Vorbereitungen auf den World Cup 2022, deren Gesamtkosten auf 4 Milliarden USD geschätzt werden.

Die Bevölkerung Katars ist von 50.000 Einwohner_innen in den 1950-er Jahren auf 1,7 Millionen Menschen angewachsen. Dies liegt an den 1,4 Millionen ausländischen Arbeitskräften, die 94 Prozent aller Arbeitnehmer_innen stellen. Die ausländischen Arbeitskräfte stammen vor allem aus Asien, insbesondere Bangladesch, Indien, Indonesien, Nepal, Pakistan und den Philippinen. Die Migrant_innen werden im Allgemeinen über Rekrutierungsagenturen in ihren Heimatsländern, oft unter falschen Versprechungen, angeworben.

Die Migrant_innen arbeiten vor allem im Baugewerbe und als Hausangestellte.

Es wird erwartet, dass die Anzahl der ausländischen Arbeitnehmer_innen weiterhin steigen wird. Eine weitere Million ausländischer Arbeitskräfte, die primär am Bau arbeiten wird, wird erwartet.

Arbeitsrechtlicher Rahmen

Im Prinzip verfügt Katar über ein Arbeitsgesetz, das den Schutz von Arbeitnehmer_innen festschreibt, z.B. eine Begrenzung der erlaubten Arbeitszeit, verpflichtender Jahresurlaub, Arbeitnehmer_innenschutz und zeitgerechte Auszahlung des Lohnes.

Abgesehen davon, dass die Vorschriften des Gesetzes nicht eingehalten werden, sind bestimmte Gruppen der Arbeitnehmer_innen grundsätzlich vom Arbeitsgesetz ausgeschlossen.

Migrant_innen dürfen keine Gewerkschaften gründen oder ihnen beitreten.

Sponsorship-System schafft Abhängigkeit

Kernstück der arbeits- und fremdenrechtlichen Regelungen und Praktiken in Katar ist das „Sponsorship“-System: Jede_r Migrant_in benötigt einen „Sponsor“: Dies ist üblicherweise der Arbeitgeber, sei es eine Firma oder eine Privatperson wie im Falle von Hausangestellten.

Migrant_innen müssen die Genehmigung des „Sponsors“ für einen Jobwechsel einholen, was meist mittels eines „NOC“-Dokuments (No Objection Certificate) festgemacht wird. Falls Migrant_innen ohne Erlaubnis des „Sponsors“ den Arbeitsplatz verlassen, gelten sie als „Geflohene“. Die „Sponsoren“ sind dann verpflichtet, die „geflohenen“ Migrant_innen einer eigens dafür eingerichteten Abteilung des Innenministeriums zu melden. „Geflohene“ Migrant_innen riskieren Haft und Abschiebung.

Auch für die Ausreise müssen die Migrant_innen die Genehmigung des „Sponsors“ einholen. Um Katar wieder verlassen zu dürfen, benötigen sie eine Art „Ausreisegenehmigung“ der Behörden, die von ihrem „Sponsor“ unterzeichnet sein muss.

Gefangen in Katar

In der Praxis verweigern meist die Arbeitgeber den Migrant_innen die Genehmigung zum Arbeitsplatzwechsel und zur Ausreise. Da den Migrant_innen im Allgemeinen unmittelbar nach ihrer Einreise der Pass abgenommen wurde, kommt hier ein weiteres Element der Abhängigkeit hinzu.

Die Arbeitgeber kümmern sich auch nicht um die Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung der Migrant_innen. Die Aufenthaltsgenehmigung sichert ausländischen Arbeitskräften Zugang zu Basis-Gesundheitsdienstleistungen. Ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung riskieren Migrant_innen, aufgegriffen und verhaftet zu werden, da sie verdächtigt werden, geflohen zu sein. Daher trauen sich oft Migrant_innen mit abgelaufener Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr die Arbeitsstätte zu verlassen, um nicht auf offener Straße verhaftet zu werden.

Wenngleich es Aufgabe des Arbeitgebers ist, sich um die Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung zu kümmern, müssen die Migrant_innen vor ihrer Ausreise Geldstrafen für die abgelaufene Aufenthaltsgenehmigung zahlen, ansonsten dürfen sie nicht das Land verlassen.

Miserable Arbeits- und Lebensbedingungen

Die Ausbeutung der Migrant_innen ist unvorstellbar: lange Arbeitszeiten, kaum oder keine freien Tage, kein Urlaub, niedrigerer Lohn als versprochen, der oft monatelang nicht ausbezahlt wird. Demütigungen und Schikanen kommen hinzu, auch sexuelle Gewalt, vor allem bei Hausangestellten. Frauen, die Vergewaltigungen anzeigen, riskieren, wegen „unerlaubter Beziehungen“ angeklagt zu werden und ins Gefängnis zu wandern.

Migrant_innen wohnen entweder als Hausangestellte in Privathaushalten oder, wenn sie im Baugewerbe arbeiten, in eigenen Wohnstätten, fernab von der Bevölkerung Katars, welche auf die Migrant_innen herabsieht. Die Wohnstätten sind Substandard: überfüllt (10-15 Arbeiter_innen in einem engem Schlafsaal), schmutzig, oft ohne Elektrizität und fließendes Wasser, keine Müllabfuhr und Kanalisation, schlechte gewartete sanitäre Anlagen und Küchen, keine funktionierende Klimaanlage trotz 45 Grad Hitze.

Die Arbeit der Migrant_innen ist gefährlich und gesundheitsschädigend. Mehr als 1.000 Menschen werden pro Jahr nach Unfällen am Bau in Dohas größtes Spital eingeliefert. Mehr als zehn Prozent der Verletzten bleiben nach dem Arbeitsunfall dauerhaft behindert. Entschädigungen können die Migrant_innen nur selten erkämpfen.

Die Demütigung und Aussichtslosigkeit ist Ursache massiver psychischer Probleme. Pro Jahr werden mehr als 30 Frauen, die als Hausangestellte arbeiteten, in die psychiatrische Abteilung des Hamad-Krankenhauses eingeliefert. Dies ist der höchste Anteil im Vergleich zu anderen Berufsgruppen. Hauptgrund für die Einlieferung sind Selbstmordversuche.

Fallbeispiel: Maria, eine Hausangestellte

Maria (nicht ihr echter Name), eine 24-jährige Filipina, kam 2012 – angeworben über eine Vermittlungsagentur – nach Katar. Trotz der Zusage für ein Monatsgehalt von 1.450 Ryal / 400 USD wurde ihr bei ihrer Ankunft erklärt, dass sie nur 899 Ryal / 220 USD erhielte und dass ihr das Geld erst am Ende des Vertrags ausbezahlt würde.

Bei der Einreise wurde der Pass von den Immigrationsbeamten einbehalten, und die weiteren Dokumente sowie ihr Mobiltelefon wurden ihr bei der Ankunft im Haus vom Arbeitgeber abgenommen. Auch ihre Kleidung wurde konfisziert; sie solle ohnehin Uniform tragen. Ihr wurde untersagt, mit anderen Hausangestellten zu reden – wie auch mit Fremden, wenn sie ihren Arbeitgeber nach außen begleitete. Alle zwei Wochen war ihr gestattet, ihre Mutter anzurufen.

Maria war für die Betreuung von drei Kindern, Gartenarbeit und Reinigung zuständig. Sie arbeitete täglich von 5.30 Uhr bis Mitternacht. Ihr wurde kein freier Tag gewährt; sie durfte auch nicht die Kirche besuchen.

Als eine andere Hausangestellte floh, wurden Maria und eine Kollegin körperlich angegriffen. Nach vier Monaten ohne Gehalt wollte sie nach Hause zurückkehren, auch ohne je Bezahlung gesehen zu haben. Aber sie durfte nicht gehen. Sie müsse vorher bis zum Ende des Vertrags arbeiten. 2013 war sie immer noch in Katar gefangen.

Rechte können kaum eingefordert werden

Migrant_innen, die unter das Arbeitsgesetz fallen (etwa Bauarbeiter), können im Prinzip beim Arbeitsministerium Beschwerde einlegen. Dieses kann dann den Fall an ein Gericht verweisen.

Allerdings kann sich ein Gerichtsverfahren monatelang dahinziehen. Die Migrant_innen müssen regelmäßig vor Gericht erscheinen, allerdings finden die Anhörungen weit entfernt vom Arbeitsplatz der Arbeitnehmer_innen statt. Die Arbeitnehmer_innen verdienen meist nichts während der Zeit, in dem das Gerichtsverfahren läuft. Sie müssen sich Geld ausborgen, um sich Essen leisten zu können und die Gerichtskosten abzudecken. Die höchste Hürde besteht darin, dass das Gericht üblicherweise eine Gebühr für einen Expertenbericht in der Höhe von rund 600 Ryal / 165 USD verlangt, was einem Monatsgehalt eines Bauarbeiters entspricht. Dies war der Hauptgrund, warum Migrant_innen auf die gerichtliche Durchsetzung ihrer Rechte verzichteten.

Migrant_innen, die nicht unter der Arbeitsgesetz fallen (z.B. Hausangestellte) haben nicht einmal theoretisch die Möglichkeit, ihr Recht einzufordern.


Fallbeispiel: Reza, Koch als Kameltreiber

Reza (nicht sein echter Name) kam 2010 aus Asien nach Katar, um einen Job als Koch in einem Haushalt anzutreten. Als er am Flughafen ankam, führte ihn sein Arbeitgeber direkt in die Wüste. Dort solle er als Kameltreiber arbeiten. Dieser Beruf ist nicht vom Arbeitsgesetz erfasst; es gibt daher keine Schutzbedingungen oder Kontrolle seitens des Arbeitsinspektorats.

Als Amnesty International ihn im Oktober 2012 traf, lebte er in der Wüste (siehe Foto – Arbeitsplatz von Reza) in einem Zelt, ohne Klimaanlage und Fließwasser. Er durfte die Gegend nicht verlassen und auch nicht in eine Moschee beten gehen. Er arbeitete sieben Tage die Woche, von 5 Uhr morgens bis 23 Uhr in der offenen Wüste, mit einer Mittagspause von zwei Stunden.

Reza will die Arbeit aufgeben und nach Hause. Er traut sich aber nicht, den Arbeitsgeber zu fragen, weil er fürchtet, dass der Arbeitgeber in seinem Zorn nicht mehr täglich bei ihm vorbei schaut, um ihm Essen und Wasser in der Wüste zu bringen, und er in Wüste allein bliebe.

Amnesty-Berichte



„The Dark Side of Migration: Spotlight on Qatar’s construction sector ahead of the World Cup”, MDE 22/010/2013, 18. November 2013


“Treat us like we are human: Migrant workers in Qatar”. MDE 22/011/2013, 17. November 2013


“Nepal: Out on a limb: Nepalese migrant workers failed by state and recruitment industry”, Campaign Digest, 13 December 2011


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