Nicaragua: Kriminalisierung von Abtreibungen gefährdet Gesundheit und Leben von Frauen

The Wire, August/September 2009

Diese Aktion läuft jedenfalls bis Ende des Jahres 2009.


Im Juli 2008 trat in Nicaragua ein neues Strafgesetzgebuch in Kraft, das Schwangerschaftsabbruch unter allen Umständen verbietet und mit Gefängnisstrafen belegt. Frauen und Mädchen, die vergewaltigt wurden und/oder bei denen in der Schwangerschaft Komplikationen auftreten, haben keinen Zugang zu legalem Schwangerschaftsabbruch und müssen unter lebengefährlichen Bedingungen die Schwangerschaft fortsetzen.


Junges Opfer von sexueller Gewalt vor einem Frauenzentrum, wartet auf Unterstützung/Beratung

Ärzt/innen ignoriert und diffamiert

Zuvor war ein Jahrhundert lang der Schwangerschaftsabbruch aus medizinischen Gründen ("therapeutischer Schwangerschaftsabbruch") erlaubt gewesen. Gegen die Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruches traten zahlreiche Ärztinnen und Ärzte auf; die medizinischen Fachgesellschaften unterzeichneten eine öffentliche Stellungnahme, in der sie auf die Gefahren hinwiesen. Seit der Einführung des neuen Gesetzes sind die Kritiker/innen leiser geworden; viele Ärzt/innen haben Angst, womöglich illegaler Abtreibungen bezichtigt zu werden, was sie den Entzug ihrer ärztlichen Lizenz und eine Gefängnisstrafe von bis drei Jahren kosten könnte.

Fortsetzung der Schwangerschaft auch bei Komplikationen

Mit dem neuen Gesetz sind Frauen verpflichtet, die Schwangerschaft auch dann fortzusetzen, wenn Komplikationen ihre Gesundheit oder sogar ihr Leben gefährden. Dies steht zwar im Gegensatz zu den Geburtshilfe-Richtlinien, die das Gesundheitsministerium erlassen hat; diese haben aber nicht die Rechtsverbindlichkeit wie das Strafgesetz. Etwa sehen die Richtlinien - entsprechend internationaler Standards - die raschest mögliche Beendigung von Eileiterschwangerschaften vor, das dies für die Frauen lebensgefährlich wird, aber selbst dieser Schwangerschaftsabbruch fällt unter das Verbot.

Verzögerungen führen zu Verschlechterung des Gesundheitszustandes

Was in der Praxis passiert, ist, dass bei Eileiterschwangerschaften oder anderen Komplikationen Ärzt/innen wegen der drohenden Strafen zuwarten, medizinisch notwendige Eingriffe vorzunehmen. Während dieser Zeit verschlechtert sich der Gesundheitszustand von betroffenen Frauen und wird lebensgefährlich.

„Wir verlieren unsere Berechtigung, zu praktizieren, unsere Freiheit und unseren guten Ruf, bloß weil wir, als es notwendig war, gehandelt haben“, fasste eine Ärztin das Dilemma zusammen, in dem sich Ärzt/innen in Nicaragua nun befinden. Noch schlimmer ist die Not der Frauen und Mädchen, deren Leben und Gesundheit davon abhängen, wer sie behandelt. Ist es eine erfahrene Ärztin, oder ein junge, es nicht wagt, rasch einzugreifen?

Keine Wahlfreiheit über Behandlungstherapien


Schwangerenberatung in der Stadt Ocotal, Nicaragua, 8. November 2007.

Mit dem totalen Abtreibungsverbot wird Frauen im Krankheitsfall die Chance verwehrt, unterschiedliche Behandlungsalternativen zu erwägen. Wird etwa bei einer Patientin in einer frühen Phase der Schwangerschaft eine potenziell lebensbedrohende, aber grundsätzlich behandelbare Erkrankung (z.B. Gebärmutterhalskrebs) festgestellt, muss sie die Schwangerschaft fortsetzen – selbst mit dem Risiko, dabei zu sterben. Sie kann nicht sich für die Krebstherapie entscheiden.

Fehlgeburten werden Frauen und Ärzt/innen angelastet

Selbst bei bester medizinischer Versorgung kann es zu einer Fehlgeburt kommen. Frauen und Mädchen wie deren Ärzt/innen fürchten, dass ihnen Fehlgeburten als versuchte Schwangerschaftsabbrüche angelastet werden könnten. Immer wieder nehmen aus diesem Grund Frauen und Mädchen nach einer unverschuldeten Fehlgeburt keine medizinische Betreuung in Anspruch. Nicht weiter verwunderlich, dass im Falle von Komplikationen nach einer unsicheren, nunmehr illegalen Abtreibung Frauen und Mädchen den Weg zu den Ärzt/innen scheuen.

Austragen der Schwangerschaft

Im Falle von Föten mit Anenzephalie, deren Lebenserwartung nach der Geburt mit wenigen Tagen begrenzt ist, sieht das neue Gesetz in Nicaragua vor, dass die Frau die Schwangerschaft nicht abbrechen darf – was im Widerspruch zum Urteil des UN-Menschenrechtskomitees in einem ähnlichen Fall in Peru steht.

Vergewaltigungsopfern wird keine Alternative geboten

Gleichfalls werden nun Frauen und Mädchen, die in Folge von Vergewaltigung oder Inzest ungewollt schwanger wurden, gezwungen, den Fötus auszutragen. In besonderem Maße sindjunge Frauen und Mädchen Opfer von Vergewaltigung und Inzest.

Die WHO-Richtlinien für die medizinisch-rechtliche Betreuung von Opfern sexueller Gewalt fordern umfassende, gendersensible Gesundheitsleistungen für die Opfer, einschließlich Schwangerschaftstests, Schwangerschaftsverhütung und den Zugang zu einem sicheren Schwangerschaftsabbruch. In der Praxis Nicaraguas betreute eine kirchennahe NGO ein neunjähriges Inzestopfer während seiner gesamten Schwangerschaft, weil sie keine Alternativen anbieten durften.

Menschenrechtsskandal

Das Verbot des Schwangerschaftsabbruchs unter allen Umständen widerspricht zahlreichen menschenrechtlichen Verpflichtungen, zu denen sich Nicaragua in internationalen Pakten bekannt hat. Internationale Menschenrechtsgremien, wie das UN-Anti-Folter-Komitee und das UNO-Menschenrechtskomitee, forderten Nicaragua auf, das Gesetz zu ändern.

Amnesty International weist in einem im Juli 2009 erschienenen Bericht auf den Konsequenzen des Verbots des Schwangerschaftsabbruches unter allen Umständen in Nicaragua hin und verlangt die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruches.

Siehe den Bericht:

The Total Abortion Ban in Nicaragua. Women’s Lives and Health Endangered, Medical Professionals Criminalized

Helfen Sie mit.

Schreiben Sie an die nicaragischen Behörden und fordern Sie diese auf, das neue Gesetz zurückzuziehen und das Strafgesetz zu reformieren, um sicherzustellen, dass Frauen und Mädchen, die sich einem Schwangerschaftsabbruch unterziehen, und Angehörige von Gesundheitsberufen, die sicheren Schwangerschaftsabbruch vornehmen, nicht strafrechtlich verfolgt werden.

Adressen:

Daniel Ortega Saavedra
Presidente de la República
Reparto El Carmen
Costado oeste del Parque El Carmen
Managua
Nicaragua

Fax: + 505 2266 3102
Ing. René Núñez Téllez
Presidente de la Asamblea Nacional
Asamblea Nacional de la República de Nicaragua
Avenida Bolívar, Apto. Postal 4659
Managua
Nicaragua

Fax: + 505 2228 3039

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Demand Dignity

Diese Aktion ist Teil der Kampagne "Mit Menschenrechten gegen Armut"
(Demand Dignity Campaign).
Müttersterblichkeit ist ein Thema der Dignity Demand Campaign.


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